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12 EINLEITUNG Historische Situation und physikalische Zeit sind also nicht das gleiche. In der »Situation« steht der Mensch, in dem Vergangenheit zur Zukunft hin wirkt, und er weiß, daß dies so ist. Er weiß sich verbunden und getragen von dem, was war und was in ihm und seiner Zeitstunde vom Ver gangenen wirksam ist — so wenig er sich vielleicht über das einzelne klar ist, was ihn von der Vergangenheit her be stimmt -— und er weiß zugleich, daß ihm in seiner Gegen wart ein für die Zukunft entscheidendes Wirken über tragen ist. Eben dieses Bewußtsein des Menschen, zwischen den Zeiten zu stehen, und dieses Sichverantwortlichwissen dem, was war, und dem, was sein wird, macht die geschicht liche Zeit der eigenen Existenz zur »Situation« — und das heißt zu dem Zeitmoment »Gegenwart«, in dem das Ver flossene weiterfließt zum Kommenden, und doch nicht bloß weiter-fließt, sondern durch das Bewußtsein des Menschen hindurchgeht, um dort eine Brechung zu finden, die für das Zukünftige und seine Gestalt entscheidend wird. Die physikalische Zeit verfließt, die historische wird angehal ten. Die physikalische Zeit ist ein stetes gleichmäßiges Flie ßen des Geschehens, in der geschichtlichen Zeit geschieht etwas durch den Willen des Menschen, der, mit dem Ver gangenen verknüpft und um es wissend, dieses in die Ge genwart einbrechende Vergangene aufgreift und es gemäß seiner Entscheidung aufgreift, um es so oder anders nach seinem Entschlüsse weiterzuführen. Die historische Situa tion ist also im Gegensatz zum physikalischen Zeitpunkt je anders, keine Situation wiederholt sich, jede ist von jeder verschieden. Und auch die großen Situationen historischer »Epochen« sind je andere Zeitabschnitte, unvergleichbar den anderen, in sich selbst eigenartig, aber dennoch nicht »ab rupt«, weil auch hier Vergangenes tradiert und zugleich verändert wird — eine auch für das Wesen des »Mittelal ters« wichtige Erkenntnis. Wir müssen also ablehnen jede Naturalisierung des histo rischen Zeitgeschehens, d. h. jede Gleichsetzung des mensch lich-geistigen, durch Bewußtsein und Willensentscheid be-