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Bach und das literarische Leipzig 17 gedruckten Texte hat man gleichsam mit der Autorität Bachs kritisiert; es ist die Communis opinio, daß dieser selbst in ungewöhnlichem Ausmaß Eingriffe vorgenommen habe. Textkritisch ist das letztlich ungesichert, denn man ver gleicht die Varianten stets in der Reihenfolge: erstens Textdruck von 1728, zweitens 1725 bereits komponierter Text. Wir wissen aber im Grunde nicht, was für Textversionen Bach drei Jahre zuvor in der Hand hatte. Bach muß die Änderungen zudem weder selbst, noch muß er sie alleine vorgenommen haben. 1729 veröffentlichte Frau von Ziegler dann einen vollständigen Kanta tenjahrgang. Dabei sparte sie diese neun Sonn- und Festtage aus und verwies auf ihren Sammelband aus dem Vorjahr. 27 Es war vielleicht ihr geschichtlicher Unstern, daß Bach dann, etwa gegen 1728, zu kontinuierlicher Zusammen arbeit mit Picander gelangte. Sie scheint selber gezweifelt zu haben, ob ihre Texte sich ohne weiteres für eine - wohlgemerkt immer gottesdienstlich ge bundene - Vertonung eigneten. Sie hat sie jedenfalls im Vorwort ihrer zweiten Sammlung von sich aus bis zu einem gewissen Grade zur Disposition gestellt: ..Denn diejenigen Künstler und Meister, so mit Musicalischer Übersetzung und harmonischen lebhafften Ausdruck dergleichen poetischer Wercke beschäfftiget seynd, werden mir vermuth- lich die darbey verspührte Länge vor einen grossen Fehler auslegen.“ 28 Sie gesteht das auch zu und leitet daraus die praktischen Ratschläge ab, daß man entweder die fertige Komposition teilen und vor der Predigt und während der Kommunion musizieren könne oder daß sich aus den Texten gleich zwei ganze Jahrgänge abteilen ließen; das Bibelwort zum richtigen Sonntag bleibe ja gültig. Natürlich setzt das eine gewisse Lockerheit des äußeren Aufbaus voraus, die aber dem Verfahrensprinzip Kantate durchaus entspricht. Vor allem dürfte eine solche Freiheit der Gebrauchssituation speziell solcher Texte realistisch entsprechen. Es wäre zumindest vorstellbar, daß Bach mit dieser Textdichterin auch über längere Zeit hin zurechtgekommen wäre. Aber man vergleiche einmal ihre Kantate „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist“ mit dem Text, den der anonyme Autor für die Bachsche Kantate auf das gleiche Bibelwort (BWV 45) komponiert hat, dann zeigt sich doch deutlich, worin handwerkliche Könnerschaft in der Textherstellung besteht. Unstreitig ist die Mariane von Ziegler der zwanziger Jahre grammatisch-stilistisch auch noch nicht auf der Höhe der Zeit. Was aber die „Länge“ ihrer Texte angeht, so be ruht diese leider auf dem Wortreichtum der einzelnen Kantatensätze, insbe sondere der madrigalischen. Bach hätte weithin am Vers entlang komponieren müssen, ohne die Gelegenheit zu Wortwiederholungen. Diese sind aber grund sätzlich zunächst einmal unerläßlich im Sinne eines intensiven Ausdrucks. Die Erscheinung einer schriftstellernden Frau war damals neu und wurde dis kutiert, sie wurde übrigens auch nachdrücklich gefördert. Das kann man den sehr überlegten Selbstaussagen der Ziegler entnehmen, die auch andeutet, Texte weiblicher Autoren würden in der Regel von geschulten Autoren, das heißt von Männern, durchgesehen: Im „Anderen und letzten Theil“ von 1729 sind die 9 Sonntage S. x 19 nach der Reihe auf geführt, in folgender Form: „Am Sonntage Jubilate. Besiehe den ersten Theil. pag. 245.“ usw. 28 Versuch [. . .] Anderer und letzter Theil, 1729, fol. ) ( 4 verso. 2 6271