Volltext Seite (XML)
Die Weimarer Bachtradition des 18. Jahrhunderts H9 leitung zu der musikalischen Gelahrtheit“ zu schreiben hatte, bemerkteer: „Ich verehre noch die Asche dieses seeligen Mannes, achte mich aber zu wenig, etwas weiteres zu seinem Ruhme allhier zu sagen.“ 17 Wahrschein lich führte diese Verehrung auch zu einer praktischen Pflege der Werke Bachs, wenn auch der nunmehrige Weimarer Hofkapellmeister mit seinen Kompositionen der neuen Stilrichtung folgte, wie das ausdrücklich von dem Herzog und seiner jungen Gemahlin Anna Amalia gefordert wurde 18 . Ihre Regentschaft und ihr „Musenhof der Goethezeit“ (sie lebte bis 1807) sollten zwar äußerst wichtig für das Musikgeschehen der Stadt werden, doch ein rechtes Verhältnis zu J. S. Bach konnte sie nie finden. Ihr Lehrer, der schon erwähnte E. W. Wolf, teilte in dieser Beziehung nicht die Ansicht seiner fürstlichen Schülerin. In seinem „Musikalischen Unter richt“ behandelt er auch die „Meisterfuge“ und weist besonders auf die jenigen „des seligen Kapellmeisters Sebastian Bach“ hin 19 . Er erwähnt auch die Fugentechnik Handels, und so wird er wohl als Hoforganist nicht darauf verzichtet haben, die Werke beider erklingen zu lassen. Als Kapellmeister (1771 20 bis 1792) war er sehr stark dem Singspiel verpflichtet und schuf selbst Bedeutendes auf diesem Gebiet 21 . Daneben führte er auch Werke Pergolesis und Handels auf 22 . Die Pflege Bachscher Musik durch die Hof kapelle ist jedoch nicht erwiesen. Diese Situation wurde auch von J. G. Herder wesentlich mitbestimmt. Bachs Kunst war ihm zwar nicht unbekannt 23 , seine hohe Meinung von der Orgelmusik sei hier erwähnt, doch dem Oratorienschaffen Handels gab er den Vorzug. Wird damit auch für Weimar der Rückgang der Bachpflege für das letzte Viertel des 18. Jahrhunderts sichtbar, so lassen doch andere Tatsachen erkennen, daß die Erinnerung an Bach in Weimar noch immer lebendig war. So legte z. B. der Weimarer Stadtkantor Johann Matthäus Rempt 1799 im Einklang mit der Gesangbuchreform Herders ein vier stimmiges Choralbuch vor, in dem er J. S. Bach als den „Vater der Harmo nie“ 24 bezeichnet. Bald aber kam nun die Zeit, da zu Anfang des neuen Jahrhunderts der Berkaer Badeinspektor Heinrich Friedrich Schütz die Meisterschaft des Thomas kantors dem Dichter Johann Wolfgang von Goethe nahebrachte. Damit rundet sich ein Bild der Bachtradition des 18. Jahrhunderts in Weimar, einer Stadt, in der der Name des Meisters immer wieder in großer Ehrfurcht genannt wurde. 17 J. Adlung, Anleitungen der musikalischen Gelahrtheit, Erfurt 1758, S. 14. 18 Aktenmaterial des Landeshauptarchivs Thüringen und W. Lidke, Das Musikleben in Weimar 173J—177}, Ms. 19 E. W. Wolf, Musikalischer Unterricht, Dresden 1788, S. 62. 20 Die oft angegebene Jahreszahl 1769 trifft nicht zu. 21 J. Brockt, Emst Wilhelm Wolf, Eeben und Werke 1927 (Diss. Breslau). 22 W. Lidke, Musikgeschichte der Stadt Weimar (Monographie) Ms. 23 W. Wiora, Johann Gottfried Herder, in: MGG, Bd. VI, 1957. 21 J. M. Rempt, Choralhuch, Weimar 1799.