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Meine Parade von Meißner Originalen von Dberlehrer Benno Zeidler, Meißen n Meißen, der Stadt de« sächsischen Weinbau«« und »de« Fremdenverkehr«, trieb der Humor der Etn- heimischen und Fremden von jeher wunderliche Blüten. Darum gab e« hier auch immer Leute, die wegen ibre« besonderen Wesen» oder ihrer auffallenden äußeren Erscheinung allen bekannt waren, die al« „Originale der Stadt" galten. Der bekannteste Vertreter geistvoller Originalität in Meißen war der Buchbtndermeister Otto Julius Brück, der al« Achtziger I-o5 verstarb. Er steht noch heute in vielen Meißner Familien in freundlicher Erinnerung al« ein kerniger Vertreter de« Handwerk« und zugleich de« guten Bürgertums. In ihm waren so recht alle Meiß nischen Eigenschaften vereint: die heitere Lebenslust und -kunst, dazu frischer, herzerquickender Humor, wir seken ibn im langen Gebrock mir ständig bobem Hut und schwarzer Halsbinde, in der Hand den Spazierstock mit der Elfenbein- krücke, würdig durch dir Straßen schreiten. Au« dem glatten, bartlosen Gesicht schauten kluge, gütige, zugleich schalkhafte Augen. Brück war durch seine witzigen Einfälle weit über Meißens Umgebung bekannt. Natürlich schätzten ibn am meisten seine Meißner Stammkischgenojsen bei „Säuberlich" und die Rrgelbrüdrr des „I7er Rlubs". Manche Allragssorge lachte man sich in Brück« witziger Gesellschaft von der Seele. Einige Proben seiner Schnurren seien wieder an« Licht gezogen. S/e /'oaeses/, e/a. An einem strahlenden Sommertage tauchte Brück mit seinen Freunden die grauen Sonnenschirme in den Heimich»brunnen, um sie dem wirr Säuberlich mit dem Ruße: „So ein Schweinewener heute!" ins Gesicht zu schütteln. Der bringt verdutzt nur die Entgegnung keraus: „Aber vorhin schien doch die Sonne so schon!" Seinem Freund und Nachbar Richter, der am Markte vor seinem Laden Mäntel ausgebängt batte, spielte Brück einst folgenden Possen: Er vertauschte die Preismarken, und der verdutzte Geschäftsmann mußte nun einer Bauersfrau den guten teueren Mantel für den billigen Preis lassen. — Den größten Spaß machte sich Brück einst beim Schützenauszug e. Als der Rom mandant die Strammkeir seines Bataillons rübmte, enr- gegnete er: „Ich will Euch schon euren ganzen Zug aus der Ordnung bringen!" Was geschah? Auf dem Holz deckel einer Schleuse an der Burggasse lag ein — ver lorenes Portemonnaie! Jeder Schütze suchte nun begierig den Schatz aufzubeben, — die Disziplin des Zuges war gestört. Brück stand vor seinem Laden und lachte sich eins. Er hakte die Geldtasche aufgenagelr und sein Ziel erreicht! Schauen wir Originale ganz anderer Art! In meinen Rindheitsragen batte ich fast täglich Gclegenbeit, solche, die Zufall oder Schicksal in der sogenannten „Grauen Garde" zusammengewebt batte, zu seben. verschiedenen Alkers, verschiedener Herkunft, verschiedener Gestalt zogen sie morgens, mittags und abends durch das Tuchmachertor. Durch ibr Holzpanroffelgeklapper auf dem holprigen Pflaster Alk-Meißens kündeten sie sich von weitem an. Im aus gewaschenen, grauleinencn Arbeirsanzuge stampften sie meist daber. Sw kamen von der städtischen Sandpocherei und Holzspalrerei und gingen die Frauenstufen hinauf nach dem Versorgbause. Zwei Gestalten unter diesen Originalen leben wobl noch in der Erinnerung vieler Meißner: Der eine, lang aufgeschossen und bager, das kurzgrscbnittrne ergraute Haar mir dem verbeulten „Eiersieder" bedeckt, von der Schuljugend vertraulich „Paul" oder „Paul Peter Bum" genannt. Der anderewar schon äußerlich ganz das Gegenteil: RIein, verwachsen, kinkend, — das war „Sicketanz" oder „ Sch ix", ein Rinderfreund, der glück lich war, wenn er von uns angerufcn ward. Doch meist waren seine Augen nach unten gerichtet; er fahndete auf dem Boden nach Zigarrenstummeln. Für die Sauberkeit, wie er, sorgte auch ein „sauberes", putziges Ekepaar, das Meißens Straßen jahrzehntelang zierte: „Aschekarl und Aschemarie", liebevoll auch „Aschemariechen" genannt. Aschegrau wie ihr so nötige« Gewerbe sahen beide au». „Grau" war meist nur er, wenn nach getaner Arbeit die Magenstärkung allzu gründ lich geschehen. Jung und alt ergötzten sich dann an dem Bilde, wenn „sie" ihren Herzallerliebsten mit ihrem Hunde im Handwagen schimpfend heimfuhr. Sonst war sie höf lich und immer zu Späßen geneigt. Jeder Mann ward von ihr gegrüßt: „Guten Tag, schöner Herr!" Doch alle widerstanden ihren Reizen ; keiner verlor sein Herz an sie. wer entsinnt sich wohl noch de« einst in den öS er, 70 er Jahren starkbekannten „Hickbart", der „Heck- bre sch" genannt ward? In grüner Jagdpekesche, da« Jägerkütcben keck auf dem Ropfe, durchzog er hoch zu Roß und natürlich in Reitstiefeln Meißens Gassen. Er gab sich den stolzen Titel „Reitlehrer und Geschäftsagent", doch war er nur Trödler. Früher als porzrllanmaler tätig, mußte er wegen Rurzsichtigkeir seinen Beruf aufgeben. Am Baderberge neben Rlempnermeister Rnäbchen hatte er sein Hau«. Auch der Frau Musika war er kold. Am Abend durchzog er oft die Stadt, spielte die Gitarre und sang dazu mit rauber Stimme. — Etwas Ähnliches, doch viel später: Um die Jahrhundertwende ist «. Ein Freuden- gebeul der Meißner Gassrnkinder macht mich stutzig. „Ga—lupp, Ga—lupp!" ertönt « aus dem Hinterhalt. Ein mittelgroßer Mann mir blauer Schürze, die Brille auf der Nase und einen Holzpantoffel drohend nach den Rufern erhoben, schwankt mir entgegen: Der „Galoppschuster" Baniy! Seinen Namen verdiente er in der Tat. Er war Schuhmacher, und nur rennend sab man ikn auf Meißens Gassen. Seine Geschwindigkeit wuchs mir der Menge „geistiger Genüsse". Und den mußte man erst Sonntags gesehen haben! Im Frack und Zvlinder, dabei den Trag korb auf dem Rücken, wakrlich ein ergötzliches Bild! Laut wetterte er immer auf die „evangelischen oder katholischen H . . de", je nachdem er gerade sein Bekenntnis gewechselt harre. Der nächste ist vielleicht derBekann- teste. Der Leser wird ibn lächelnd grüßen. Die Meißner Realschule hält in den 82erJahren im „schönen" Zeickcn- saal der Roten Schule einen öffentlichen Aktus ab. „Gönner und Freunde der Anstalt" sind dazu versammelt. Es ist früh h Ubr. Lehrerschaft und Schüler sind vollzählig festlich beisammen. Die Plätze für die Gäste sind — wie fast immer — unbesetzt. Doch da tut sich die Tür auf! Herein schiebt sich lang und bager mit gebeugtem Rücken und blassem, saurem Gesicht im abgetragenen Gebrock und mit hrraushängendem, durchgeschabcen Schlipsband: Adolf Stöhr, von un« Schülern der „Gönner", besser noch das „A k t u s g e sp c n st " genannt. „Nun kann « losgeken", flüstert« befriedigt durch unsere Rcikcn; „denn er ist da!" Gespensterartig raucht er überall auf, wo in Meißen öffentliche oder /lue s-v s/,-,er/amm,„ng gesellschaftliche Veranstaltungen statt- o„°/,<->". fanden. Bugsierte man den ungebetenen Gast hinaus, so kam der Zudringliche sicher zu einer anderen Tür wieder herein. Adolf Stöhr war einst zum Lekrer bestimmt gewesen, bat auch kurze Zeit ein Seminar besucht; dann nannte er sich Zeitungsrcportcr. Es wird aber ge wiß nicht allzuviel von ikm gedruckt worden sein. Bei seiner Schwester batte er Unterkunft und pflege gefunden. Seit lh22 deckt den Bedauernswerten der Rasen. vor dem Rriege gab cs in Meißen eine besondere Rumpanie, die sich Gelegenheitsarbeiter nannte, doch dabei der Arbeit gar zu gern au« dem Wege ging. Ihre Mit glieder saben ziemlich heruntergekommen aus nach Rleidung und Haltung. Sie saßen oder standen um den Heinrichs brunnen Kerum, daher ihr Vlame „Heinrichsbrüdcr". Sie arbeiteten nur dann, wenn ihnen die klingende Münze für den Stoff ausging, den sie im Fläschchen in der Rock tasche verwahrten, war nach öfterem Gluck-gluck-gluck das beliebte Getränk ausgegangen, so wurde an der „Quelle" frisch nachgefüllt, die an der Elbgasse, wo jetzt Otto« Fleischerei ist, ständig lockte. Dort ergriff man mir zittriger Hand eins der bereitstehenden Gläser mir der dringlichen Bitte aus gedörrter Reble: „Herr vettermann, gebe Se mer glei den Erschien!" War der Durstige zahlungs unfähig — was nicht selten vorkam —, so wurde Name und Zeche des Schuldners mir Rrcide auf den Ladentisch geschrieben. Daß er wiedcrkam, war ja sicher. Das waren auch Originale; aber ikr Bild war oft düster und kündete eigene Schuld. Sollte nicht auch der vielbesuchte Meißner Jahrmarkt an Ausschreiern, Schaubudenbesitzern und Händlern manch Original gekannt haben? Aber sicher! Ein von groß und klein mit seinen Bildern zum Jahrmarkt sehnlichst erwarteter Händler war J.L.G. Rehhahn aus Dresden. Auf dem Rasten des Botenwagens von Dresden sitzend, zog er hier ein und wurde von den Meißnern jubelnd begrüßt. Im Handwagen führte er seine Ware mir sich. In der Nähe de« Goldenen Löwen eröffnet« er seine Runsthandlung und nagelte seine Bilder an den Rückwänden mehrerer Buden zur Schau an. wa« gab «« da nicht alle, zu sehen und zu kaufen! Schwarzdruck« oder grell »»«gemalte Landschaften, Bilder von Tieren, von Rindern, und nicht zuletzt auch von — schönen Frauen! Ratender, Traumbücher und Gelegen heitsgedichte — manche gar au« seiner eigenen Feder — konnte man erstehen. ao/i S. ?/o/mann, iVci-ien /»s». >se/n Se/ita </« AkrA/ier <?</ir?t0?ki-ere/>u Zum Schluss« soll noch eine« lebenden Meißner Originals gedacht sein, das noch immer auf unseren Straßen und Plätzen zu seken ist, de« alten, freundlichen Brezel mann«. Trotz seiner 80 Jahre steht er geduldig und un verdrossen mit seinem Rorbe mit der schwarzen Wachstuch decke im Sommer und Winter, bei gutem und schlechtem Wetter draußen, um seine Brezeln und Süßigkeiten feil zubieten. Unter der Rinderwelt erfreut er sich besonderer Beliebtheit. Auf der Eisbahn, in dicken, schwarzen Filz schuhen, bei der playmusik, auf dem Markte, auf den Schulhöfen oder am LIbbade, überall ist er getreulich zur Stelle, um den kleinen und großen Schleckermäulchen den Hunger zu stillen. Der gute Alte scheint sich doch einer festen Gesundheit zu erfreuen; denn sonst wäre er nickt nach schwerer Rriegszeit wieder in unserem Srraßrnbild See S«e/e a/e» aufgetaucht. Auch der letzt« harte Winter har ihm nichts anzuhaben vermocht. Wenn ihm doch noch ein paar Jahre wahrer Altersrast — vielleicht im neuen Bürgerheim — beschieden wären! Man könnte gewiß die Reihe der Meißner Originale aus allen Ständen und Volksschichten noch bedeutend ver größern. Doch sei es genug. Die Proben mögen genügen und ein Stück Lokalgeschichte, dabei auch Lebensgeschichte des einzelnen, erstehen zu lassen in der Erinnerung derer, die sie einst kannten. Sie sollen nicht vergessen sein im großen Jahre Meißen«. Xiu <se>- c/er LeäranMc ü, Lao?/«„ Feioi/rueig gorr -s. Aech/IU