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Profeffor Dr. Anna Siemfen über Polififche Kunft und Kun ftpolitik Seit Ende 1936 gibt die Reichsleitung der Jungfozialißcn mit Unterßützungvon Max Adler, Anna Siemfen und Engelbert Graf eine »Jungfozialißifche Schriftenreihe« heraus (Verlag: LaubfcheVerlagsbuchhandlung G. m. b. H., Berlin W 30), die allgemeine Beachtung nicht nur bei der Jugend verdient. Es liegen bis jetzt drei Bändchen vor, jedes im Umfang von drei Bogen, zum Preife von 85 Pfennig, gefchmackvoll brofchiert in Reifem farbigem Karton, was dem Äußeren ein gutes Gewand gibt. Das erüe Bändchen: »Die jungfozialillifche Bewegung, ihre Gefchichte und ihre Aufgaben«, hat Franz Lepinfki zum Verfalter; Max Adler (Wien) fchrieb das zweite: »Die Aufgabe der Jugend in unfrer Zeit«, während das dritte von Profeffor Dr. Anna Siemfen in Jena herrührt. »Politifche Kunß und Kunßpolitik« ifl der Titel, und es verlohnt Ech, auch hier etwas näher darauf einzugehen. »Was ift Kunfl?<, fo ift das erfte Kapitel überfchrieben. Die Beantwortung diefer Frage aus berufenem Munde dürfte auch manchem Erwachfenen am Herzen liegen. »Zu jeder Kunft gehört das Erkennen und Können; Kunft ift gefühltes Werk, das wiederum Gefühl erregen will«, fagt Anna Siemfen. Für uns Buchdrucker, foweit wir uns bemühen, Druckfachen, felbft einfachfter Art, künftlerifch zu gehalten, bergen diefe Worte den Schlüffel zu einer gedeihlichen »Schwarzen Kunft«, die wohl durchdacht werden muß, um fo mehr noch, als das neue Kunftftreben auch an der Typographie nicht fpurlos vorübergeht. »Wir alle find Künftler.* Diefer lapidare Satz ziert das zweite Kapitel. Es wird einleitend gefagt, daß wir alle dem Keim und der Anlage nach Künftler find, daß es durchaus menfeh- lich ift, das gefühlsbetonte Erlebnis feftzuhalten und zu gleich unfrer Umgebung eine Spur von uns, unfrer Per- fönlichkeit, aufzuprägen. Dann werden die phantafievollen Spiele der Kinder gefchildert, wie der Stock zum Pferd, der Holzfchuh zum Schiff wird: künfllerifche Schöpferprozeffe, zu denen wirErwachfene vieler Werkzeuge, mannigfaltiger Erfahrung und langer Arbeit bedürfen. Aber wir Envach- fene werden trotzdem keine Künftler. Ja, unfer Ausdrucks trieb ift durchaus verkümmert. Was aber ließ uns ver kümmern? Zunächft dieNot des Dafeins. Der Kampf ums tägliche Brot und um die gefellfchaftlidie Stellung, der für uns arme Europäer fchon in der Schule beginnt und für den Proletarier erft mit dem Tode aufhört. Gerade an diefer Stelle darf vielleicht eingefchaltet werden, daß diefen Kampf unfer Bildungsverband in erfter Reihe führt, weil er nicht einfeitig nur an der »Achtelpetit« klebenbleibt, fondern über den engen Berufsrahmen hinaus, befonders mit feiner »Büchergilde Gutenberg«, mit eintritt in den allgemeinen Kampf der Arbeiterfchaft. Der Einfluß, der unfern Trieb zur Geftaltung lähmt, ift die Überlieferung, das find die fertigen Vorbilder, die uns jederzeit begleiten — und erdrücken. Der Weg eines jeden Künftlers beginnt