90 Judentums, dem sich auch Heinrich Heine verbunden fühlte. 181 Marcus’ jüngster Bruder Elias hatte als einer der ersten Juden Dresdens die berühmte Freischule in Dessau besucht, um an schließend Medizin zu studieren. 19 ’ Vor allem durch diese Schul- und Pensionszeit hatte Elias Bondi, der in Sachsen als Jude nicht praktizieren durfte und sich deshalb in der preußischen Pro vinz Posen niederlassen mußte, die engen Kontakte der Familie zu den Vertretern der in Dessau konzentrierten jüdischen Aufklärung und Reform entweder begründet oder entscheidend ver tieft. Von da ab datierte jedenfalls eine enge Freundschaft zur Familie des Dessauer Lehrers Moses Philippson, von dem auch Clara Bondi, eine der bemerkenswertesten. Frauen innerhalb der jüdischen Gemeinde, tief beeindruckt war. Nach Philippsons frühem Tod im Jahre 1814 gehörten die Dresdner Bondis schließlich zu den ganz Wenigen, die die Familie finanziell so weit unterstützten, daß zwei der drei Söhne ein Studium absolvieren konnten. Ludwig Philippson er innerte sich noch ein halbes Jahrhundert später dankbar dieser Hilfe. Vor allem Clara Bondi, die ein »offenes Haus« führte und hier auch Reformprediger wie Eduard Kley oder Gotthold Salo mon zu den Gästen zählte, verehrte der inzwischen prominente Publizist und Rabbiner als »ein Ideal der weiblichen Tugend, der tiefsten Empfindung und umfassender Geistesbildung. Sol chen Menschen begegnet zu sein, wird ein wahres Besitzthum des Geistes.« 201 Die für eine Bankiersfamilie des frühen 19. Jahrhunderts ganz erstaunliche Begeisterung für bildungsbürgerliche Berufe setzte sich auch in der nächsten Generation fort: Joseph Bondi ent schied sich nach dem Besuch der Kreuzschule für ein Jurastudium, das er allerdings aus gesund heitlichen Gründen abbrach, so daß er schließlich 1853 doch die Leitung der Bank übernahm. Seine Söhne Georg und Felix wagten dann aber ebenso wie sein Neffe Julius den endgültigen Schritt in eine berufliche Karriere außerhalb des renommierten Geschäftes: Georg Bondi wurde später in Berlin als Verleger - vor allem von Stefan George - bekannt. Die beiden Cousins Felix und Julius Bondi erlangten hingegen als Juristen überregionale Anerkennung, wobei sie vor allem auf Fragen des Handelsrechts spezialisiert waren und von daher ganz ähnlich wie ihre noch direkt in der Bank aktiven Verwandten in den Aufsichtsräten zahlreicher Industrieunternehmen tätig waren. 21 ’ Gleichwohl erschien der eingeheiratete Hanauer Bankier Ignatz Maron unter die sen Umständen als Glücksfall für das Überleben des Bankhauses in familiärer Hand. Seine Nachkommen setzten nun die Tradition fort, die ansonsten mit dem Tode von Joseph Bondi unter Umständen schon beendet gewesen wäre. Muß die weitverzweigte Familie Bondi mit ihrer frühen Offenheit für das neue bürgerliche Bil dungskonzept auch als ein besonderes Phänomen begriffen werden, so war doch bei den meisten Bankiers die Grundtendenz ähnlich - und das deutlich früher, als dies bei der Mehrheit der Juden in Dresden der Fall war. So waren unter den 66 jüdischen Mitgliedern des Mendelssohn-Vereins, der Studium und Berufsausbildung ärmerer Jugendlicher förderte, fast alle Bankiers der Gemein de zu finden; der Name Bondi tauchte sechsmal sowie Schie und Wallerstein jeweils dreimal auf. 22 ’ Parallelen gab es ebenfalls in der frühen Orientierung auf moderne Reformschulen. In Dessau beispielsweise lernten auch Kinder der Familien Wallerstein, Gutmann, Levy und Na- chod. 23 ’ Daß diese Schüler später als Multiplikatoren der innerjüdischen Modernisierung in ih rer Heimatgemeinde wirkten, ist naheliegend. Sie wurden damit zu »Agenten« jener kulturellen Verbürgerlichung der Dresdner Juden, wie sie deutlich ab den 1830er Jahren zu registrieren ist.