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nicht über seinen militärischen Büchern sitzt, so liest er in meinen Klassikern. Kaffeehäuser besucht er nie; seine grösste Zerstreuung bietet ihm das Burgtheater; beinahe jeden Abend ist er dort. Ich gehe nicht mit — Oekonomie halber — aber tags darauf erzählt er mir immer das ganze Stück. Ich glaube, er hat seine alte Ira gern. So hat er nämlich meinen ihm zu lang scheinenden Namen „Irene“ abgekürzt. Und nun kommt mir die fatale Nichte ins Haus, da ist kein Platz für Pepi. — Er musste sich ein Monatszimmer mieten, und sein Zimmer ist für Donna Sol eingerichtet worden (do, re, mi, fa, sol) — hübscher Name!). Ich weiss nicht, ob es mir gelungen ist, den Raum auch spanisch genug herzustellen. Einen roten Damastvoihang habe ich über dem Bett drapiert; eine Photographie der Patti als Rosine prangt an der Wand; eine alte Guitarre habe ich mit neuen Schleifen geschmückt und nachlässig auf einen Fauteuil gelegt, und ein paar Blumen vasen, die am Tage von Sol’s Ankunft mit Granatblüten gefüllt werden, müssen den andalusischen Charakter des Raumes ver vollständigen. .Damit es darin auch an das Tropische und Urwaldige mahne, wird Plumpi, mein Kakadu, hinübersiedeln. Aber lange bleibt meine Nichte ohnehin nicht bei mir — dann zieht sich Plumpi wieder zurück; rote Draperie, Guitarre, Patti und Granaten werden hinausgeworfen und Peperl kann mit seinen Studierbüchern und seiner armen, kleinen Waffen- panoplia wieder einziehen. Donna Sol wird bald verheiratet sein, und da ist weder das Zimmer bei der Tante, noch die Tante überhaupt mehr zu brauchen. Ich bin nur eine Konvenienztante. Donna Sol de las Perismas ist mit einem Oesterreicher verlobt; die Heirat soll in Wien vollzogen werden, und da ist es schicklich, dass die Braut im Hause und unter dem Schutze einer ältlichen Verwandten wohne. Ein ganzer Roman, diese Nichte. Ihre Existenz, ihre Brautschalt, ihr Plierherkommen — wie gesagt, ein ganzer Roman. Vor ein paar Wochen ahnte ich noch gar nichts von ihrem Dasein, und nun soll ich Tanten- und Brautmutterstelle an ihr vertreten. Wie das alles mir gleich Blitzen aus heiterem Himmel auf das Haupt gefallen ist! Ich glaube, ich fasse den ganzen Sachverhalt noch nicht recht klar auf. Die mir zugekommenen überseeischen Briefe haben mir da so viel Unerwartetes und Ungewöhnliches mit geteilt, dass ich mich nicht vollständig auskenne; nur folgendes habe ich herausverstanden. Meine „missratene Schwester“, welche im hiesigen Orpheum ein Engagement als Liedersängerin antrat, kam dann zu anderen Truppen, reiste nach Frankreich, nach Italien und lernte in Monaco einen peruanischen Grund besitzer kennen, der sie zu seiner legitimen Marquisin machte. Er war Witwer und besass ein Töchterchen, Donna Sol. Meine Schwester, die selbst kinderlos blieb, attachierte sich leidenschaftlich an das Stiefkind, und ihr höchster Wunsch war, dasselbe einst in ihr Vaterland zu bringen und an einen Oesterreicher zu verheiraten. Nun wird dieser Wunsch zwar erfüllt: Donna Sol kommt hierher, um sich mit einem Lands mann ihrer armen Stiefmutter zu vermählen, diese aber ist tot. Auch der Vater des jungen Mädchens lebt nicht mehr, und sie steht allein auf dieser Welt. Nur den Bräutigam hat sie, welcher zugleich ihr Vormund ist. Sie soll reich sein — so wenigstens entnehme ich den Briefen, die mir die obigen Thatsachen eröffnet haben. Ob wohl die rotseidenen Gardinen, mit denen ich ihr Zimmer dekoriert habe, ihren gewohnten Ansprüchen genügen, oder ob sie etwa nur vergoldete Marmor räume bewohnen will? Fräulein Irene von Wender wurde hier im Schreiben unterbrochen. Ihr Dienstmädchen trat stürmisch herein, ein Papier schwingend. „Ach, Fräul’n, Fräul’n -- eine telegraphische Depesche. Am End’ gar ist die junge Herrschaft schon da — und ich bin noch nicht fertig mit dem Putzen vom Kakaduerl sein Haus!“ Irene erbrach das Telegramm. „Schnell einen Fiaker, Kathi,“ riet sie, „ich muss gleich zur Eisenbahn fahren, meine Nichte kommt in einer halben Stunde an. Das Zimmer ist bereit, nicht wahr?“ „Aber nein, Fräul’n — ich sag’s Ihnen ja g’rad . . . dem Plumpi sein Haus . . .“ „Nun, wir können ihn einstweilen auf einer Stange hinein stellen. Während meiner Abwesenheit richte den Kaffee her. Hole vom Konditor einen Gugelhupf, gieb uns die schöben Kaffeeschalen und die silberne Zuckerdose — aber jetzt hole schnell den Fiaker.“ „Fräul’n, ich fürcht’, die junge spanische Komtess’ wird allerlei Launen haben und bei uns alles zu schlecht finden.. .“ „Geh’, geh’, Kathi — es ist keine Zeit zu verlieren; der Zug kommt um vier Uhr an — “ „Es ist schon vier Uhr, Fräul’n — Sie kommen eh’ nicht mehr zurecht.“ Irene blickte auf die Uhr. „Es ist wahr — das Telegramm muss sich verspätet haben. Ich habe nicht mehr Zeit, meine Nichte auf der Bahn zu holen. Zum Glück weiss sie meine Adresse und wird direkt hierher fahren.“ „Ah — da ist sie schon!“ riet Kathi, welche an das Fenster getreten war. „Es hält ein Fiaker . . . zwei Fiaker . . . drei Daker . . . vier Fiaker! Jesus, Maria, Joseph — kommt die ganze Prozession zu uns?“ Aber Irene war nicht zum Fenster gegangen, sondern auf die Nachricht, dass ein Fiaker vor dem Hause halte, war sie, ohne Kathi’s weitere Meldungen zu hören, auf die Hausflur hinausgestürzt, um der ankommenden Waise entgegenzueilen. Sie flog die. vier Treppen hinab, und unter dem Thoreingang ward ihr allerdings ein verwirrendes Schauspiel zu teil. Da stand eine ätherische Gestalt in eleganter Reisetoilette, gefolgt von mehr als einem halben Dutzend Dienern — auch ein Neger und eine Negerin darunter — welche alle mit Herbei schleppen von hausgrossen und schachtelkleinen Koffern, Kisten, Körben, Valisen, Taschen und Täschchen beschäftigt waren, während die junge Dame selbst an der Leine und am Arme verschiedene unbeschreibliche Bestien mit sich führte. Das eine Unding in Rattengrösse masste sich wohl an, „Hund“ zu heissen und demselben Geschlechte anzugehören, wie das riesige Gemisch von Neufundländer, Gotthardshund und Löwe, welches daneben stand; und das rotumhalsbandete Figürchen, welches auf den Armen seiner Herrin hockte und augenblinzelnd und zungenherausstreckend die ganze Welt auszulachen schien, war wohl gar — ein Affe. „Ist dies das Haus von Sennora Wender?“ wandte sich die Reisende an Irene, als sie deren vor Entsetzen starr ge wordene Gestalt erblickte. „Donna Sol!“ brachte die arme Irene endlich hervor. „Ich bin ja selbst Fräulein Wender — Deine — Ihre Tante . . .“ Das junge Mädchen liess die Hundeleinen los, schleuderte den Affen einem nebenstehenden Diener zu, wa f sich Irene an den Hals und küsste sie mit Ungestüm. „O Du liebe, gnädige Tante — ich grüsse Dich und danke Dir. Ich werde Dich lieb haben, wie ich Deine Schwester lieb gehabt, die mir eine so gute Mutter war . . . Und jetzt lass uns in unsere Appartements gehen — ich bin fuichtbar müde.“ (Fortsetzung folgt.)