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95 tschechische Leben in den zwanziger Jahren war z. B. sehr an Paris interessiert, was man heute noch an den Bauten der Zeit in Prag sehen kann. Kontakt zu Deutschland pflegte vor allem die deutschsprachige Bevölkerung in Böhmen, nicht zuletzt deutsch-jüdische Kreise, und die wurden in den vierziger Jahren umgebracht. Es gibt sie als Gruppe nicht mehr. 1945 wurden dann die anderen deutschsprachigen Bevölkerungsteile vertrieben, die ge meinsame böhmische Kultur ist damit weitgehend zerstört, leider. Es ist ein abgeschlossenes Kapitel. Lühr: Die Tragödie begann 1938 mit der Aggression Deutschlands. Sie wurde, man möchte sagen »beantwortet« mit der Vertreibung, der Zwangsaussiedlung der Sudetendeutschen 1945/46. Aus welcher Optik sehen die Tschechen heute dieses finstere Kapitel von Destruk tion und Haß zwischen unseren Ländern. v. Schwarzenberg: Wir sollten nicht so sehr von heutiger Optik sprechen. Sehen Sie, was damals immer geschehen ist von einer oder anderen Seite an Mord, an Vertreibung, an Unter drückung, das war damals Mord, Vertreibung und Unterdrückung und das soll man auch heute bei seinem richtigen Namen nennen. Es hilft nichts, wenn man die Ereignisse mit euphemistischen Worten bedenkt. Man muß die Wahrheit feststellen, man kann auch nicht sagen, Schwamm darüber. Wir müssen uns um Gottes willen hüten, vor allem was die eigenen Verbrechen angeht, mit sanften Worten den Tatbestand zu verändern. Um für meine Seite zu sprechen, natürlich sollen auch wir Tschechen die Vertreibung und die Untaten, die mit ihr verbunden waren, im vollem Umfang benennen. Nicht wegen Deutschland, sondern um unserer Selbst willen. Lühr: Beim wahren Namen nennen, sagen Sie. Damit sind wir bei der aktuellen Situation, der deutsch-tschechischen Erklärung. Ist hier der >wahre Name< das Problem, die gegenseitige Entschuldigung? Oder sind es nicht auch materiellen Forderungen z.B. von den Sudetendeut schen? Das in der Geschichte viel stärker belastete deutsch-polnische Verhältnis erscheint dagegen heute unkompliziert ... v. Schwarzenberg: Zunächst, die Erklärung ist nicht eine Frage von Entschuldigung. Wir können nicht um Entschuldigung bitten für die Taten unserer Väter, wer ist dazu berechtigt. Weder Sie noch ich kennen den genauen Text der Erklärung, doch es dürfte um andere Dinge darin gehen. Polen im Übrigen hat für Deutschland eine größere Priorität, infolgedessen hat hier auch die Politik schneller reagiert, was verständlich ist. In Deutschland ist heute bekannt was damals in Polen geschehen ist, was Juden angetan wurde - es ist relativ wenig bekannt, was damals in der Tschechoslowakei passiert ist. Dazu kommt eine andere Rechtslage. Teile Schlesiens gehörten zu Deutschland, das Sudetenland war zweifelsfrei bis 1938 zur Tscheche slowakei gehörig. Ich denke, das alles sind klärbare Fragen. Entscheidend ist, unsere beiden Völker haben heute ein völlig entspanntes Verhältnis, entspannter, als es je war. Ich hoffe, wir werden bald zu der gemeinsamen Erklärung kommen; darin steht sicher eine klare Benennung der Vergangenheit, eine Entwicklung, die wir anzunehmen haben und Aufgaben für eine gemeinsame Zukunft.