21 Trotz der Startprobleme stellten die Manufakturen infolge ihrer arbeitsteilig-kooperativen Produktionsorganisation und der »freien« Möglichkeiten des Einsatzes technischer Mittel die Weichen für den Wirtschaftsfortschritt. Es ist völlig berechtigt, wenn der beste Kenner der sächsischen Wirtschaftsgeschichte der frühen Neuzeit und des 19. Jahrhunderts, Rudolf Forberger, bereits 1958 daraufhinwies, daß» nach der Massenvernichtung von Produktivkräften jeder Art durch den Dreißigjähri gen Krieg« eine zweite Entwicklungsperiode einsetzte 27) , die die Voraussetzungen dafür schuf, daß nach 1763 in einer kurzen und steilen Entwicklungsphase die Bedingungen für die industrielle Revolution in Sachsen entstehen konnten. V Als altes Durchgangsland von und nach Südost- und Osteuropa verfügte Sachsen über ein gut ausgebautes Handels- und Verkehrssystem mit Leipzig als bedeutendem Meßplatz. Zugleich war die Region durch ein dichtes Netz von interlokalen Austauschbeziehungen gekennzeichnet. Der große Krieg hatte in diese Strukturen schmerzhaft eingegriffen, so daß sich der Wiederaufbau auf vielen Gebieten des Handels und Verkehrs mit einer Neu ordnung der Verhältnisse verbinden mußte. Das stand in erster Linie mit den sich zuspit zenden politisch-wirtschaftlichen Gegensätzen zu Brandenburg-Preußen in Beziehung, die im nachfolgenden Jahrhundert in offene militärische Auseinandersetzungen einmündeten. Es war von besonderer Bedeutung, daß sich Leipzig im Zusammenhang mit dem Meßbe trieb relativ rasch von den Kriegsfolgen erholen konnte, obgleich die schwedische Besat zung erst 1650 abgezogen war. Zugänge von Kaufleuten brachten neue Geschäftsideen, die zur Handelsbelebung beitrugen. In den 70er Jahren entstand die Börse, 1681 folgte eine ständige Vertretung der Kaufmannschaft in Gestalt der sog. Handelsdeputierten; der Geldwechsel wurde geregelt und ein Handelsgericht geschaffen. 281 Die in Leipzig bereits vor dem Kriege eröffnete erste öffentliche Post in Sachsen avancierte 1681 zum Oberpost amt. Reit- und Fahrposten bedienten teils täglich Hamburg, Nürnberg, Berlin, Breslau, Frankfurt/Main, Dresden und andere Orte. 29 ’ Der Buchdruck, der im 17. Jahrhundert in eine beträchtliche Krise geraten war, die sich während des Krieges vertieft hatte, begann sich zu erholen und schuf mit der Herstellung von täglichen Zeitungen (1660, Timotheus Ritzsch) und dem ersten deutschen Gelehrtenorgan, den »Acta eruditorum« (1682, Chri stoph Günther), die Voraussetzungen für die bahnbrechenden Leistungen des Leipziger Verlags- und Druckbetriebes im 18. Jahrhundert. 30 ’ Die Handelstätigkeit Dresdens nahm in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts mit dem Aus bau der Residenz und dem steigenden Hofbedarf zu. In erster Linie betraf dies Waren für sog. gehobene Ansprüche, die vielfach aus Übersee kamen. Der Elbhandel - während des Krieges fast völlig zur Stagnation gekommen - erholte sich, wobei Sachsen aus der Zer störung Magdeburgs und dem faktischen Zusammenbruch des dortigen Stapelrechts Ge winn zog. Hamburg war auf diese Weise nähergerückt. Auch die Lokalmarktbeziehungen vermochten sich relativ rasch wieder zu stabilisieren; vielfach weiteten sie sich über ihre bisherigen Dimensionen aus.